«Es fällt mir schwer, beim Anlegen das Risiko wegzulassen»
St.Gallen. Seit 1991 ist Steffen Tolle für die Wegelin & Co. Privatbankiers, St.Gallen, tätig, seit 11 Jahren als geschäftsführender Teilhaber. Im Gespräch erklärt der Leiter Anlageberatung & Vermögensverwaltung, welchen Stellenwert das Sicherheitsbedürfnis im Finanzbereich einnimmt. - mbMC
Steffen Tolle, Leiter Anlageberatung & Vermögensverwaltung, Wegelin & Co. Privatbankiers: « Leider wird die Debatte derzeit nur auf die steuerliche Komponente des Bankgeheimnisses reduziert.»
Steffen Tolle, was können Sie mir heute im Bezug auf das Bankgeheimnis sagen, was auch noch in ein, zwei Wochen gilt?
Bis tatsächlich eine spruchreife Veränderung eintritt, dauert es seine Zeit. Von heute auf morgen werden keine bestehenden Regelungen ihre Gültigkeit verlieren. Im Moment ist es in der Finanzbranche tatsächlich sehr hektisch, weil täglich neue Möglichkeiten und Zukunftsszenarien diskutiert werden.
Nicht zu wissen, wohin die Reise geht, kann einen doch förmlich zur Weissglut treiben.
Es sind in erster Linie die Kunden, die verunsichert sind. Sie fragen sich zu Recht, wie die Zukunft aussieht. Und in gewissen Bereichen können wir darauf keine Antworten geben. Das ist ein Umstand, der das derzeitige Geschäft erschwert.
Idealerweise ist ein Banker seinem Kunden im Bezug auf die Informationen einen Schritt voraus. Ist das überhaupt noch möglich?
Wir müssen zwischen Finanzmarktinformationen und dem politischen Spektrum unterscheiden. Im ersten Bereich hat sich diesbezüglich nichts geändert, der Banker ist lediglich gut informiert. Das zweite Segment ist anders: Wir haben gesetzliche Grundlagen einzuhalten. Werden diese geändert, müssen wir uns anpassen. Hier kann man als Bank keinen Schritt Vorsprung haben, wenn niemand weiss, in welche Richtung es sich bewegen wird. Wir können lediglich versuchen, im Interesse der Kunden zu antizipieren.
Die Bank «Wegelin» hat schon früh vor dieser Situation gewarnt. Geniessen sie dadurch nun bei der Kundschaft ein grösseres Vertrauen? Profitieren Sie von Ihrem «Frühwarnsystem»?
Vielleicht. Trotzdem können wir uns nicht zurücklehnen. Vertrauen ist etwas, was über längere Zeit hinweg aufgebaut werden muss. Ist es vorhanden, muss es weiter gepflegt werden. Dazu gehört ein intensiver Austausch mit den Kunden. Man muss sie über die aktuelle Situation laufend informieren. Der Druck aus dem Ausland, von Ländern wie Deutschland, Italien, Frankreich oder den USA, beschäftigt uns intensiv.
Vom amerikanischen Markt haben Sie sich unlängst zurückgezogen.
Richtig. Wir waren gegenüber der Vorgehensweise der USA in Bezug auf die US-Erbschaftssteuer skeptisch und haben uns aus Risikoüberlegungen entschieden, keine direkten Investitionen in US-Wertschriften anzubieten. Natürlich stehen unseren Privatkunden aber entsprechende Alternativen mit einem US-Exposure zur Verfügung.
Und das wird von Ihren Kunden goutiert?
Von den meisten. Auch hier müssen wir unsere Überlegungen natürlich klar und nachvollziehbar kommunizieren. Ein Grossteil konnte und kann diesen Schritt sehr gut nachvollziehen. Eine Minderheit bekundete Mühe damit.
Das heisst, Sie haben aufgrund dieser Strategie auch Kunden verloren?
Ja.
Aber auch gewonnen?
Das auch. Wenn Sie sich so exponieren, dann ist das nur logisch. Es gibt Reflexe in beide Richtungen. Der Grundtenor war aber Zustimmung. Die Kunden waren froh darüber, dass endlich jemand den Mut hat, Konsequenzen zu ziehen. Genau das war es, was wir gemacht haben
Haben die Kunden heute ein anderes Verständnis vom Anlagegeschäft? Steht die Sicherheit vor der Hoffnung auf eine möglichst hohe Rendite?
Ende der 90er-Jahre stand vor allem die Rendite im Vordergrund. Heute, mit der gesamten Verschuldungsproblematik, zielen die Fragen hauptsächlich in Richtung «Sicherheit». Die Kunden wollen wissen, wo ihr Geld denn überhaupt noch sicher ist.
Und dann trumpfen Sie als persönlich haftender Teilhaber auf?
Unser Geschäftsmodell stösst sicherlich auf Interesse. Ganz einfach deshalb, weil es auf Nachhaltigkeit ausgerichtet ist. Wir gehen damit bewusst gewisse Risiken nicht ein. Wegelin ist nicht an der Börse kotiert und damit nicht auf eine kurzfristige Gewinnmaximierung angewiesen.
Müssen wir uns an kleinere Gewinne gewöhnen? Oder steuern wir bereits wieder auf das Verlangen nach den ganz «steilen Kurven» zu?
Die Unsicherheit ist derzeit wirklich gross. Im Bezug auf Rendite sind die Erwartungen entsprechend tief. Die Verschuldungskrise wird uns noch längere Zeit beschäftigen. Früher wurde der Staat als ein sicheres Modell beurteilt. Länder wie Griechenland oder Island haben inzwischen bewiesen, dass wir uns nicht mehr darauf verlassen können. Was ist überhaupt noch eine risikolose Anlage und gibt es diese überhaupt?.
Wenn wir das Risiko beiseite lassen: Wo habe ich Chancen auf die grösste Rendite?
Es fällt mir schwer, beim Anlegen das Risiko wegzulassen und nicht darauf hinzuweisen. Das entspricht eben genau nicht unserer Vorgehensweise.
Welche Themen sind im Anlagegeschäft attraktiv?
Momentan sind Investitionen in Emerging Markets das grosse Thema. Daneben sind Bereiche gefragt, die mit Energie und Wasser zusammenhängen. Steigt der Ölpreis, werden alternative Energien noch attraktiver. Zudem stellen wir fest, dass Realwerte stärker gewichtet werden.
Beispielsweise Gold und Silber?
Das ist ein Teil davon, ja. Aber auch Immobilien, im Idealfall schuldenfreie. In der Schweiz wird zwar immer wieder propagiert, dass es optimal ist, wenn der Eigentümer Schulden von den Steuern abziehen kann. Aber die grösste Sicherheit bietet letztlich nur ein Besitz, der nicht belastet ist.
Man möchte für sein Geld also gewissermassen wieder etwas in der Hand haben.
Genau. Warren Buffett hat es vorgemacht, indem er sein Geld in eine Eisenbahngesellschaft investiert hat. Darunter kann sich jeder etwas vorstellen. Und nachhaltiges Unternehmertum ist immer mehr ein Thema im Anlagegeschäft.
Sie haften mir Ihrem eigenen Vermögen. Da dürften Sie nicht gut auf jene Banker zu sprechen sein, die horrende Löhne und Boni beziehen, ohne ein ernsthaftes Risiko zu tragen.
Ich möchte niemanden verurteilen. Wie erwähnt: Wir haben ein anderes Geschäftsmodell. Möglicherweise können wir mit unserer Philosophie als gutes Beispiel voran gehen.
Goldene Fallschirme sind ja eigentlich etwas Schönes – sofern man im Besitz eines solchen ist...
Grundsätzlich entscheiden die Eigentümer über dieses Modell. Und das sind die Aktionäre. Es würde an ihnen liegen, diesen Umstand zu ändern. So einfach ist das aber leider nicht.
UBS-Verwaltungsratspräsident Kaspar Villiger sagte hierzu kürzlich, dass er zwar nicht erfreut über die hohen Boni ist, jedoch den Arbeitsmarkt nicht ändern könne.
Das ist es genau. Wenn es tatsächlich so ist, dass die Besten am meisten verdienen und diese Personen bei einer Bonusreduktion abspringen würden, hätten insbesondere die Grossbanken ein Problem. Auf der anderen Seite ist niemand erfreut darüber, dass die Saläre immer höher werden.
Aufgrund des Bankengeheimnisses werden die Schweizer derzeit als systematische Profiteure wahrgenommen. Können wir nicht mit anderen Qualitäten dagegenhalten? Oder anders gefragt: Hat der Bankenplatz Schweiz denn nicht noch mehr zu bieten als die «Verschwiegenheit»?
Aber natürlich haben wir das: Die Qualität unseres Bankgeschäfts ist – gerade auch im Vergleich zu den umliegenden Ländern – sehr gut.
Folglich könnten wir auch ohne Bankgeheimnis überleben?
Das Bankgeheimnis ist ein wichtiges Thema. Dabei muss zwischen der steuerlichen Komponente und der Privatsphäre unterschieden werden. Leider wird die Debatte derzeit nur auf die steuerliche Komponente reduziert. Meiner Meinung nach geht es grundsätzlich um den Schutz der Privatsphäre. Der Kunde hat ein Recht auf Diskretion. Und dieses ist nicht verhandelbar. Es geht nun darum, das Beste der diskutierten Lösungsmodelle als Antwort auf die «Angriffe» von aussen zu liefern. Wir haben uns diesbezüglich schon geäussert, indem wir uns – was die steuerliche Komponente betrifft – für die Abgeltungssteuer ausgesprochen haben. Aber es ist, wie Sie sagen: Wir dürften unsere anderen Qualitäten durchaus offensiver bewerben.
Wird der Konkurrenzkampf unter den Banken noch härter werden?
Sollte das Bankgeheimnis fallen, könnte das passieren, ja. Falls ausländische Kunden dann mit einem Abzug ihrer Gelder aus der Schweiz reagieren würden, hätten die Banken weniger Vermögen zu verwalten, folglich weniger Arbeitsplätze und das führt letztlich zu einem höheren Konkurrenzkampf.
Wegelin sieht diesem «Kampf» wohl gelassen entgegen. Immerhin erweitern Sie laufend Ihr Filialnetz und bauen auch am Hauptsitz in St.Gallen aus.
Derzeit haben wir zwölf Standorte in der Schweiz. Im laufenden Jahr werden ein bis zwei weitere hinzukommen. Wir expandieren also weiterhin und sehen der Zukunft optimistisch entgegen.
Wird man denn quasi vom Markt zum Ausbau gezwungen?
Das nicht. Unsere Strategie ist die Nähe zum Kunden. Wir wollen vor Ort präsent sein. Gerade in der heutigen Zeit ist das wichtiger als je zuvor. Finanzgeschäfte sind Vertrauenssache. Das bedingt den persönlichen Kontakt und eine intensive Betreuung.
Trotz aller Wachstumsambitionen: Im Ausland sind Sie bisher nicht vertreten.
Und das wollen wir auch so beibehalten. Wir haben das Gefühl, dass wir in der Schweiz noch sehr viele Möglichkeiten haben und noch viel erreichen können. Im Ausland hingegen muss man sich mit einem anderen rechtlichen Umfeld auseinandersetzen. Wir sehen derzeit keine Vorteile, den Schritt über die Grenze zu machen. Unser Fokus liegt ganz klar auf der Schweiz.
Die 1741 gegründete St. Galler Privatbank Wegelin & Co. ist die älteste Bank der Schweiz. Sie
beschäftigt 700 Mitarbeiter an zwölf Standorten in der Schweiz und verwaltet Vermögen von mehr als
CHF 26 Mrd. Die Bank wird als Kommanditgesellschaft von acht geschäftsführenden Teilhabern mit
unbeschränkter Haftung geführt. Wegelin & Co. ist auf die Vermögensverwaltung privater und
institutioneller Kunden spezialisiert. Weitere Informationen unter www.wegelin.ch.
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