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Fr. 30. Oktober 2009 - 09:59 Uhr
«Frauen trauen sich oft nicht ins Rampenlicht»

SG. Mit Antonia Wesnitzer präsidiert seit Frühling 2009 eine Kommunikationsfachfrau die «Business & Professional Women» in der Region St.Gallen-Appenzell. - Stefan MilliusMC

Antonia Wesnitzer
 
Antonia Wesnitzer

Bilder: Bodo Rüedi
 
Bilder: Bodo Rüedi

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Im Zusammenhang:
Die gebürtige Münchnerin will mehr Öffentlichkeit für ihren Club schaffen und Frauen in Führungspositionen dazu animieren, sich auch einmal ins Rampenlicht zu stellen. Ein Gespräch über den Wahrheitsgehalt von Klischees, den Zeithorizont für tiefgreifende Veränderungen und Synergien statt Wettbewerb.

  

Antonia Wesnitzer, Sie stammen aus Bayern und leben und arbeiten seit rund eineinhalb Jahren in der Schweiz. Nun stehen Sie bereits an der Spitze eines regionalen Businessclubs. Warum musste es bei Ihnen so schnell gehen?

Wer sich selbständig macht, tut gut daran, sich möglichst schnell ein Netzwerk aufzubauen und auch etwas PR in eigener Sache zu betreiben. Die beste Methode, in kurzer Zeit viele Menschen kennen zu lernen, ist die Mitgliedschaft in einem Verband. Die Business & Professional Women sind in der Ostschweiz der wichtigste Businessclub für Frauen, er ist international vertreten, und ich kannte den BPW bereits aus meiner früheren Heimat. Entsprechend war für mich schnell klar, dass ich mich hier anschliessen würde.

Weshalb aber gleich der Schritt ins Präsidium?

Mein Wunsch war es früh, eine aktive Rolle zu spielen, deshalb habe ich mich für die Tätigkeit im Vorstand interessiert und wollte dort den Bereich Öffentlichkeitsarbeit übernehmen. Dann aber hat mich die bisherige Präsident angefragt, ob ich bereit wäre, ihre Nachfolgerin zu werden. Es ist ja meist nicht ganz einfach, für solche Ehrenämter mit einem doch recht grossen zeitlichen Engagement Freiwillige zu finden. Und bei Frauen kommt dazu, dass sie sich oft nicht ins Rampenlicht getrauen. Ich bin der Meinung, wir Frauen müssen vermehrt aus der Wohlfühlecke hervorkommen, uns nach vorne stellen und die eigene Meinung kundtun. Und ich war nun eben bereit, das zu tun.

Hatten Sie damit noch nie Probleme – sich zu exponieren in einem Verband, in einem bestimmten Amt?

Früher sicher mehr als heute, und es fällt mir auch jetzt hin und wieder noch schwer, aber ich bin mir sicher, dass selbst Prominente, die dauernd im Scheinwerferlicht stehen, noch gelegentlich nervös sind, selbst wenn sie mehr Erfahrung mit der Situation haben. Andererseits sage ich mir eben: Ich habe lange genug hinter den Kulissen gearbeitet, nun traue ich mir diesen Rollenwechsel zu und freue mich darauf.

Sie engagieren sich in einem Businessclub für Frauen. Nun könnte man kritisieren: Diese Trennung zwischen Mann und Frau ist wieder eine Art unnötige Ghettobildung. Im Prinzip könnten Frauen doch auch versuchen, sich in Clubs für beide Geschlechter durchzusetzen.

Ich bin durchaus ebenfalls keine Freundin einer Ghettobildung. Und ich suche selbstverständlich auch Kontakte ausserhalb reiner Frauenclubs. Es geht für mich ohnehin nicht darum, Lager zu bilden, sondern bei allen Unterschieden zwischen Mann und Frau doch vor allem die möglichen Synergien zu suchen und herauszufinden, wie wir gegenseitig voneinander lernen können. Bei mir ganz persönlich ist es so, dass ich mich beruflich immer stärker auf Unternehmerinnen fokussiere. Entsprechend ist das Engagement in einem Businessclub für Frauen für mich eine willkommene Profilschärfung.

Sie wollen sich für mehr Öffentlichkeit für BPW einsetzen. Ist denn diesbezüglich bisher zu wenig geschehen?

Es gilt zu unterscheiden: Auf nationaler und vor allem globaler Ebene ist BPW sehr aktiv, gerade international sind wir auch in vielen wichtigen politischen und wirtschaftlichen Gremien vertreten. Gegen unten, also auf regionaler Ebene, wird das schwieriger. Das hat zum einen sicher damit zu tun, dass BPW international professionalisiert ist, während bei uns alles über Ehrenämter läuft. Ein weiterer Faktor sind natürlich die Finanzen. Jede Art von Arbeit, also auch die Öffentlichkeitsarbeit, ist mit Kosten verbunden. Das ist sicher ein Grund dafür, dass die Kommunikation bisher nicht verstärkt wurde. Da ich selbst aus diesem Bereich komme, bin ich aber überzeugt, dass sich einiges auch mit weniger Mitteln machen lässt, und das werden wir nun versuchen. Es ist eben auch immer die Frage, wie es mit der persönlichen Affinität gegenüber Öffentlichkeitsarbeit steht.

Viele Frauenorganisationen betonen jeweils, ihr Ziel sei es, sich selbst überflüssig zu machen, ganz nach dem Motto: Wenn Frau und Mann ganz selbstverständlich gleich behandelt werden, braucht es kein gesondertes Engagement mehr. Wie sieht das bei BPW aus?

Was Sie schildern, ist natürlich so eine Art ideales Fernziel. Wenn das Frau-Sein in der Geschäftswelt irgendwann kein Thema mehr ist, weil es etwas ganz Natürliches ist, dann wäre das natürlich perfekt. Nur glaube ich nicht, dass sich das so schnell umsetzen lässt. Historisch betrachtet ist die Frauenbewegung ja erst einige Jahrzehnte alt. In einer so kurzen Zeit können wir die ganze Vorgeschichte des Patriarchats nicht aufholen – und ich finde, wir müssen es auch nicht. Jeder hat sein eigenes Tempo, was den Entwicklungsprozess angeht, Frauen wie Männer. Mit einer völligen Gleichstellung von heute auf morgen wäre ein Teil der Frauen daher wohl überfordert. Wir müssen aktiv sein und Ziele haben, aber nichts erzwingen, sondern es reifen lassen.

Wenn Sie diese Themen aus der Perspektive ihrer früheren Heimat und der Ostschweiz betrachten, gibt es da Unterschiede in der Frage der Frauenförderung, der Rolle der Frau in der Wirtschaft?

Die gibt es, aber ich sehe diese sehr neutral und nicht wertend. Nach meiner Empfindung sind in der Ostschweiz Traditionen sehr wichtig, was ich auch gut finde. Es gibt durchaus zahlreiche Frauen in der Geschäftswelt, es werden wohl auch immer mehr, aber gleichzeitig geniesst die Familie nach wie vor einen sehr grossen Stellenwert. Entsprechend gilt es, die Rolle im Beruf, als Frau und als Mutter zu koordinieren. Das ist in Ballungszentren wie München schon ganz anders, da ist die Bedeutung der klassischen Familie viel kleiner. Mir scheint das aber kein eigentlicher Unterschied zwischen Deutschland und der Schweiz; nur schon in Deutschland selbst gibt es grosse Unterschiede, wenn wir beispielsweise Nord und Süd vergleichen.

Was möchten Sie konkret bei BPW anpacken, gibt es eine Art Vision für die Zeit Ihrer Präsidentschaft?

Die Amtsdauer beträgt ja zunächst einmal zwei Jahre. In dieser kurzen Zeit kann und will ich nicht gleich alles umschmeissen, was war. Da ist ja vieles gewachsen, Werte sind entstanden, es ist wichtig, dass das weiter gepflegt wird. Ich habe aber durchaus meine Vorstellungen. Dazu gehört die Schaffung zusätzlicher Ressorts im Vorstand. Konkret denke ich an Weiterbildung, sei das in Fachfragen, Rhetorik oder Persönlichkeitsentwicklung, ausserdem an ein Ressort Fundraising, in dem Mittel erwirtschaftet werden, dank derer wir den Mitgliedern mehr bieten können. Fernziele sind ausserdem Zusatzleistungen wie eine Women’s Travel Agency oder eine Kreditvergabe für Unternehmerinnen in Kooperation mit Banken. Das reicht bis hin zu einer echten Vision, einem Zentrum für Frauen in St.Gallen, das vielleicht auch grundsätzlich für alle Frauen offen ist, wo aber BPW-Mitglieder verschiedene Dienstleistungen vergünstigt beziehen können.

Sie möchten also den Mitgliedern gezielt mehr bieten, als das heute der Fall ist. Geht es darum, verstärkt zu wachsen?

Im Prinzip ist das natürlich immer das Hauptziel, ohne Mitglieder geht bekanntlich gar nichts. Wir müssen den Frauen in Führungsfunktionen, die noch nicht bei uns sind, einen Anreiz für einen Beitritt bieten, ihnen einen guten Grund dafür geben, den Mitgliederbeitrag zu bezahlen. Wobei ich gleichzeitig sagen möchte: Sich in einem Club wie unserem zu engagieren, zahlt sich auch so schon aus. Wer sich in einem Ehrenamt beweist, der kann das in seinem Lebenslauf als positiven Meilenstein aufführen. Es gibt viele Gelegenheiten, bei denen sich das gewinnbringend einsetzen lässt. Für die meisten Männer ist das eine Selbstverständlichkeit, vielen Frauen müssen wir es aber zuerst bewusst machen. Ein Ehrenamt bringt kein Geld, stellt aber doch einen Wert dar.

Die Ziele, die Sie formuliert haben: Sind das Leistungen und Werte, die Ihre Mitglieder ausdrücklich wünschen oder gehen da die Meinungen darüber auseinander?

Es ist wie überall: Wer Veränderungen anstösst, trifft zu 50 Prozent auf Kritiker und zu 50 Prozent auf Befürworter, die sofort mitziehen. Das hat damit zu tun, dass wir Gewohntes ungern loslassen. Die Kritiker lassen sich aber durch Erfolgserlebnisse auf dem neuen Weg durchaus überzeugen. Das heisst, dass diejenigen, die Veränderung wünschen, Vorarbeit leisten müssen – das ist ja durchaus auch der Sinn der Sache bei einem solchen Engagement. Mit Erfolgen holt man dann die Kritiker zu sich ins Boot. 100 Prozent Unterstützung wird es nie geben, aber darum geht es auch nicht. Ziel muss die Weiterentwicklung des Clubs sein.

Ist Politik – bis hin zur Tagespolitik – ein Thema für BPW?

Nicht vorrangig, nein. Auf internationaler Ebene eher, aber nicht in den Regionen. Wir sind ein Businessclub und halten uns aus politischen Fragen weitgehend heraus. Wobei es schwierig ist, die Grenze exakt zu ziehen, es gibt natürlich Aktionen, die ins Politische hinein spielen. Ich denke dabei an den «equal pay day», der die Tatsache thematisiert, dass Frauen bis zum 10. März des Folgejahres arbeiten müssen, um den selben Jahreslohn zu erhalten wie gleich gut qualifizierte Männer. In grösseren Städten hat BPW mit Aktionen darauf hingewiesen, und damit wurden natürlich auch Politikerinnen und Politiker angesprochen.

Stichwort Männer: Wie nehmen diese Ihre Arbeit und diejenige von BPW eigentlich auf?

Weitgehend positiv. Natürlich gibt es Männer, die sich nicht weiter für einen Businessclub für Frauen interessieren und sicher auch solche, die damit nichts anfangen können, aber die Reaktionen, die ich persönlich erhalte, sind positiver Natur. In Gesprächen ist das Engagement für die Business & Professional Women sogar oft ein Eisbrecher, weil viele Männer den Club bereits kennen.

Bringt die Mitgliedschaft über diese Eisbrecherfunktion hinaus etwas? Haben Sie selbst bereits handfest davon profitiert, sich bei BPW zu engagieren?

Auf jeden Fall. Für mich ganz persönlich ist es beispielsweise eine wertvolle Erfahrung, dass ich nun einfacher in Berührung mit Medien komme, die sich bekanntlich selten für einzelne Unternehmerinnen interessieren. Als Vertreterin eines Clubs mit einer gewissen Bedeutung öffnet das für mich Türen. Ich bin in verschiedenen Verbänden bis hin zum örtlichen Gewerbeverband dabei, und für mich steht fest, dass es an jedem selber liegt, ob er oder sie diese Mitgliedschaft aktiv nutzt oder nicht. Und sei es auch nur zur Erweiterung des persönlichen Freundeskreises.

Konkurrenzdenken stellen sie bei den Mitgliedern von BPW nicht fest, beispielsweise unter Frauen, die beruflich im selben Segment aktiv sind?

Ich kann ganz konkret auf meinen eigenen Bereich verweisen. Bei BPW St.Gallen/Appenzell gibt es mehrere Kommunikations- und Marketingfachfrauen, darunter auch solche, die selbständig tätig sind – und diesbezüglich gibt es keinerlei Probleme. Persönlich finde ich es sehr schade, wenn wir immer nur im Wettbewerb zueinander stehen. Wir alle haben unsere Stärken und Schwächen. Könnten wir offen über diese sprechen, würden wir schnell sehen: Es gibt vielleicht Bereiche, in denen sich zwei Anbieterinnen ins Gehege kommen, aber in gewissen Bereichen würden sich die beiden ideal ergänzen und wären zusammen stärker. Warum also nicht dort zusammenarbeiten – zum Wohl des Kunden? Das ist aber keine frauenspezifische Frage, es geht Frauen und Männer gleichermassen an.

 

 

Zur Person

Antonia Wesnitzer betreibt seit 2008 Beratung in den Bereichen Marketing, Kommunikation, Strategie und Personalorganisation in ihrem eigenen Unternehmen ConCoaCom. Die Diplom-Betriebswirtin, Industriekauffrau und studierte Soziologin ist für diverse Kunden in Deutschland, Österreich und der Schweiz tätig.

Im März dieses Jahres wurde Antonia Wesnitzer zur Präsidentin der «Business & Professional Women» (BPW) St.Gallen/Appenzell gewählt. BPW ist schweiz- und weltweit der bedeutendste Verband berufstätiger Frauen in verantwortungsvollen Positionen. Er ist mit 38 lokalen Clubs in allen Regionen der Schweiz vertreten. Der BPW St.Gallen/Appenzell besteht seit 1949.

 


 
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