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Di. 27. Juli 2010 - 08:47 Uhr
IG Pro Velo übt scharfe Kritik an städtischer Verkehrsentwicklung

St. Gallen/SG. Aktuelle Projekte und Baustellen sind für die Vereinigung Pro Velo ein Zeichen, dass in St. Gallen trotz des positiven Abstimmungsergebnis zum „Reglement für eine nachhaltige Verkehrsentwicklung“ nur wenig für den Veloverkehr getan wird. - smMC

Enttäuscht von der Verkehrsplanung zeigt sich die IG Pro Velo St.Gallen.
 
Enttäuscht von der Verkehrsplanung zeigt sich die IG Pro Velo St.Gallen.

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So werde zum Beispiel mit dem Entscheid, die beliebteste und einzige überdachte Veloabstellanlage der Altstadt für Taxistellplätze zu opfern, einmal mehr zu ungunsten der Velofahrenden Verkehrspolitik betrieben. Die vorgeschlagenen Ersatzplätze seien nicht adäquat und würden wildes Parkieren der Velos im umliegenden Fussgängerbereich zur Folge haben, erklärt Pro Velo in einer Aussendung.

Auch an anderen Baustellen stehen für die Interessengemeinschaft die Zeichen im wahrsten Sinne auf rot. Die angekündigten Verbesserungen im Zusammenhang mit den Spurausbauten an der St.Leonhardsstrasse und Splügenstrasse blieben aus. Man könne sogar von Verschlechterungen sprechen. Einmal mehr zeige sich, dass es für den Veloverkehr kaum Platz bei Strassenausbauten gebe und der nötige Wille und die Kreativität für sinnvolle Lösungen sowie für ein funktionierendes Gesamtverkehrssystem fehlen. Ein fachlicher Austausch, der möglicherweise zu besseren Lösungen geführt hätte, wurde einmal mehr nicht gesucht, obwohl ein gewisses Defizit im Bereich Veloverkehr bekannt sei.

Mit dem Fahrrad vorbeischleichen
Die neue Radwegspur entlang des St.Leopard ist für Pro Velo nicht tragbar. Mit 1,10 Meter von Randsteinkante bis zum Heckenbeet sei sie klar zu schmal und entspreche nicht den Minimalanforderungen von 1,5 resp. 2 Meter (einseitiger Radverkehr), wie sie an einem solchen Verkehrsknoten zu erwarten seien. Das Befahren mit einem Veloanhänger (80-90 cm breit) werde zum Spiesrutenlauf und ein allfällig verirrter Fussgänger werde schnell mal zur „Buschfrau“ resp. zum „Buschmann”.

Trotz mehrfachen Interventionen nicht korrigiert worden sei auch das nicht funktionierende Veloverkehrsregime über die St.Leonhardsbrücke. Im Wartebereich der Lichtsignalanlage (LSA) St.Leopard - Foto Baer könnten sich die Velofahrenden auf der Ostseite aus Platzmangel nicht korrekt aufstellen und blockierten die Durchfahrt Richtung Rosenbergstrasse. Auch auf der Velofurt werde man „zum Abschuss freigegeben“. Mit 1,25 – 1,75 Meter tiefen Schutzinseln ragten ein beachtlicher Teil des Fahrrads in die Fahrbahn, was die VBSG und andere Verkehrsteilnehmende zu gefährlichen Ausweichmanövern zwinge. Ebenfalls eine Geduldsprobe sei die Querung St.Leopard – Reithalle, auf welcher acht Fahrspuren gequert werden müssten. Dort könne es sein, dass man von der einen zur anderen Seite unter Umständen drei Mal vor einem Rotlicht warten muss, um die gut 40 Meter zu überqueren, führt Pro Velo in ihrer Kritik aus.

Velofurt für Einradfahrer?
Auch bei der Neuorganisation Lindenstrasse Splügenstrasse habe man, heisst es in der Aussendung, an den Radverkehr gedacht - aber wohl eher an den Einradverkehr. Die angepriesene Velofurt von Osten her sei allein schon in der Geometrie eine wahre Herausforderung an die Velofahrenden: auf einer  Fläche von gerade mal 1x1 Meter solle das Velo gewendet und korrekt eingespurt aufgestellt werden. Hier wären andere, einfachere Lösungen effektiver und Sicherer gewesen, ist Pro Velo überzeugt. Auch die Mittelinsel entsprächen keineswegs den Mindestanforderungen, die an eine Velofurt gestellt werden. So rage wahlweise das Hinter- oder Vorderrad ca. 30 Zentimeter in den Strassenraum, ganz zu schweigen von einem Kinderanhänger, der schutzlos im Strassenverkehr zu stehen käme.

Und auch die Aufnahme auf der Westseite sei für nicht ortskundige Velofahrer verwirrend. Dies entspreche sicherlich nicht den Anforderungen, welche an einen „Velokorridor“ (Aussage Berry) mit dem Anspruch einer „sicheren Veloverbindung“ gestellt werden. Das Hauptsicherheitsproblem dieses Knotens sei sogar verschärft. Die Zufahrt vom Spital her stadtauswärts – „Spital-Stich“- werde für die Velofahrenden zunehmend schwieriger. Durch die neue LSA staue sich der Verkehr gegen das Spital noch intensiver. Und das Durchkommen zwischen „Blechkolonne“ und den parkierten Autos an der Lindenstrasse sei schier unmöglich.

(K)Ein Park(h)aus für Velos
Wer meine, so Pro Velo weiter, dass mit der Neuorganisation des Markplatzes und den Auswirkungen des Parkplatzkonsens wie auch der Initiative endlich ein verbessertes Angebot an attraktiven Veloabstellplätzen geschaffen werde, sei spätestens seit den Ankündigungen des ehemaligen Stadtingenieur Hansjörg Roth eines Besseren belehrt worden. Pro Velo hat Mühe mit dem Beschluss, eine der meistgenutzten Veloabstellanlagen mit knapp 50 gutfrequentierten Plätzen für 3-5 Taxistellplätze zu opfern. Die von der Stadt vorgeschlagenen Kompensationen seien aus Sicht der Velofahrenden nichts mehr als längst überfällige Minimalanpassungen und könnten den Verlust keineswegs auffangen. Zumal der Vorschlag, dass eine Ecke des Waaghauses für Veloabstellplätze benutzt werden könnte kreativ sei, ist diese „Waag(Park-)haus für Velos Idee“ für Pro Velo doch eher utopisch.

Auch für die Taxiunternehmer könne der aktuelle Beschluss keine Lösung sein, zumal die Taxifahrer verstärkt in Konflikt mit den Passanten stehen würden und um diese herumkurven müssten. Einmal mehr beweise St.Gallen, dass es kein Gespür für die Bedürfnisse des Velo- und Fussverkehrs hat. Pro Velo unterstützt die Interpellation „Schwager / Gerlach“ und fordert eine Überarbeitung des Vorhabens mit Einbezug der Velointeressen, sowie ein Gesamtkonzept für Veloparkierungsanlagen in der Innen- und Altstadtstadt sowie auch auf dem übrigen Stadtgebiet.

Kein Mut für neue Wege
Auch bezüglich Zusammenarbeit von Fachorganisationen und Behörden seien keine positiven Signale auszumachen, lautet ein weiteres Fazit. Der von der Pro Velo eingebrachten Idee zur Gründung eines Verkehrsrats (einer institutionalisierten, multilateralen Zusammenarbeit der Verkehrsverbände unter Leitung der Stadt und einem externen Verkehrsplanungsbüro zur Umsetzung der Initiativziele) stehe das städtische Amt für Bau und Planung skeptisch gegenüber. Ein Fachgremium für Verkehrsfragen sei momentan nicht erwünscht, obwohl der Bedarf nach neuen Strategien und griffigen Massnahmen aus Sicht der Velofahrenden ausgewiesen sei.

Fachstelle für Fuss- und Veloverkehr
Die aktuellen Probleme zeigen für Pro Velo, dass Bauvorhaben und Projekte nur ungenügend auf Veloverträglichkeit geprüft werden. St.Gallen investiere momentan intensiv in die Infrastruktur. Um neue Bauwerke auch im Sinne des Veloverkehrs zu gestalten, müssten jetzt Massnahmen getroffen werden. Pro Velo ist der Überzeugung, dass die Zeit zur Schaffung einer Fachstelle für Langsamverkehr respektive eines Velobeauftragten gekommen ist. Das Stimmvolk habe sich explizit für eine nachhaltige Verkehrsentwicklung ausgesprochen, nun liege es in der Hand von Stadt und Kanton, dieses Anliegen auch ernst zu nehmen und die Situation zu verbessern.

 
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