«Im Private Banking wird sich die Spreu vom Weizen trennen»
Beat Bernet ist Professor für Bankwirtschaft an der Universität St.Gallen. Als Mitglied des Verwaltungsrats verschiedener Finanzinstitutionen und als langjähriger Präsident einer börsenkotierten Kantonalbank kennt er das Bankgeschäft auch aus der Praxis. - mbMC
Seit 2010 leitet er als Gründungspartner eine auf KMU spezialisierte Beteiligungsgesellschaft mit Sitz in St.Gallen, die an Unternehmungen im Informatik-, Technologie- und Biotextilsektor auf vier Kontinenten beteiligt ist. Im Gespräch erklärt er, inwiefern sich das Bankengeschäft seit der Krise verändert hat und was er von «Abwehrinstrumenten» hält.
Beat Bernet, mit dem eingeleiteten Zusammenschluss der seit fast 30 Jahren im Finanzmarkt etablierten Zuger Bankberatungsfirma Bernet & Partner und dem St.Galler Bankberatungszentrum entsteht eine in der Schweiz führende Beratungs- und Ausbildungsplattform für Banken und Versicherungen. Was war das Motiv zu diesem Zusammenschluss?
Einerseits glauben wir, dass die Kombination der grossen Beratungs- und Ausbildungskompetenz beider Firmen für unsere über hundert Kunden in der Schweiz, in Deutschland und Österreich einen wirklichen Mehrwert bringt. Mit dem neuen Bankenberatungszentrum bbz Bernet & Partner entsteht eine Plattform mit über 30 auf bankspezifische Themen fokussierten Mitarbeitern und Standorten in St.Gallen und Zug. Andererseits sind Dr. Urs Saxer vom ‚bbz St.Gallen’ und ich als Gründungspartner unserer jeweiligen Firmen an einer nachhaltigen Lösung der Nachfolge interessiert – wir sind ja beide schon Jahrzehnte in unseren jeweiligen Firmen engagiert. Der Projektname unseres Fusionsprojektes lautet denn auch ‚next generation’. Und drittens sind wir überzeugt davon, dass die sich abzeichnenden Veränderungen im Bankgeschäft einem unabhängigen Anbieter von qualitativ hochstehenden und integriert angebotenen Beratungs- und Ausbildungsleistungen grosse Chancen eröffnen. Die wollen wir mit unserer neuen gemeinsamen Beratungs- und Ausbildungsplattform nutzen.
Hat denn die Finanzkrise das Bankgeschäft wirklich nachhaltig verändert?
Das kann man so nicht sagen. ‚Das’ Bankgeschäft gibt es nicht. Von der Finanzkrise betroffen waren ja vor allem das Investment Banking und einzelne Bereiche des Private Banking. Und wir sollten nicht vergessen, dass von den über dreihundert Banken in der Schweiz unter dem Strich letztlich nur einige wenige wirklich negative Auswirkungen verspürten. Bei den beiden Grossbanken, aber auch bei grossen Privatbanken hat die Krise schon ein Umdenken ausgelöst. Das betrifft weniger die Geschäftstätigkeit an sich als die Wahrnehmung und Beurteilung von Risiken, die mit dem Investment Banking verbunden sind. Die Banken haben ihre Risikoexposition teils massiv reduziert. Sie nehmen damit bewusst auch einen Rückgang der Erträge in Kauf. Verändert hat sich ein Stück weit auch das Verhalten der Kunden: Sie sind vorsichtiger geworden. Bei Kunden wie Banken sehe ich aber die ersten Anzeichen des für den Finanzmarkt typischen kurzen Gedächtnisses: Wir beginnen bereits wieder zu vergessen, was uns in die Krise geführt hat und was wir in der Vergangenheit falsch gemacht haben.
Wäre es falsch zu sagen, dass wir aus der Krise gelernt haben, dass wir eben gerade nichts aus gemachten Fehlern lernen?
Die Finanzgeschichte bestätigt leider, dass dem tatsächlich so ist. Offensichtlich lässt die Gier nach Gewinn und Rendite Banker wie Kunden immer wieder vergessen, dass Rendite und Risiko wie siamesische Zwillinge sind und nicht entkoppelt werden können. Ich glaube aber, dass wir aus der vergangenen Krise doch einige wichtige Erkenntnisse gewonnen haben, die auch unser Verhalten in der Zukunft bestimmen werden: Wir wissen heute um die überragende Bedeutung systemischer Risiken. Wir haben erkannt, dass Liquiditätssteuerung für Banken wichtiger ist als Eigenkapitalvorschriften. Wir haben gelernt, dass unsere Risikomodelle nur unter bestimmten Rahmenbedingungen richtige Aussagen machen können. Und vielleicht haben wir auch gelernt, dass es im Finanzmarkt Risiken gibt, die man trotz verlockender Ertragsaussichten einfach nicht eingehen sollte. Diese Erkenntnisse gelten zumindest so lange, bis der nächste Boom an den Märkten uns wieder glauben lässt, dass diesmal alles ganz anders sei ...
Vor welchen grossen Herausforderungen stehen die Banken heute? Ihr Ruf ist ja grösstenteils wieder hergestellt.
Der Ruf der meisten Banken hat in der Finanzkrise ja kaum gelitten. Kantonal-, Raiffeisen- und Regionalbanken beispielsweise haben die Krisenjahre 2007 bis 2009 gut bis sehr gut überstanden, nicht zuletzt dank ihres vorsichtigen Geschäftsgebarens. Die nächsten Jahre werden aber die Banken in unserem Land in allen Geschäftsfeldern vor grosse Herausforderungen stellen. Im Private Banking geht es primär darum, das bisher sehr profitable Offshore-Geschäft auf neue Grundlagen zu stellen. Die Antwort kann hier nicht, wie von vielen Banken heute fast panikartig angedacht, in einem Rückzug aus diesem Geschäft bestehen. Das würden viele unserer kleinen und mittleren Privatbanken nicht überleben. Vielmehr geht es darum, ein neues Verständnis dieses auch weiterhin stark nachgefragten und lukrativen Geschäftsfeldes zu finden. Und den bestehenden Kunden dabei zu helfen, den richtigen Weg in dieses neue, auf Transparenz, Steuerehrlichkeit und gleichzeitig weitgehendem Schutz der finanziellen Privatsphäre beruhende Offshore-Geschäft zu finden.
In allen Geschäftsfeldern werden wir uns mit weiter rückläufigen Margen konfrontiert sehen. Um den steigenden Kostendruck aufzufangen, müssen die Wertschöpfungs- und Geschäftsmodelle der Banken hinterfragt werden. Sobald die Zinsen wieder nachhaltig zu steigen beginnen, wird auch der in den letzten paar Jahren sehr gute Ertrag im Bilanzgeschäft unter Druck geraten. Diskussionsbedarf sehe ich persönlich bei den aktuellen Geschäftsmodellen der beiden Grossbanken. Ich sehe mich durch die Entwicklung im regulatorischen Umfeld in meiner These bestätigt, dass es wohl eher früher als später zu einer Neupositionierung von Investment Banking und Private Banking kommen wird. Für mich hat das heute gepflegte integrierte Geschäftsmodell unter den sich abzeichnenden künftigen globalen Rahmenbedingungen mehr negative als positive Aspekte.
Weltweit werden Instrumente zur Abwehr von Finanzkrisen entwickelt. Was halten Sie von solchen Ansätzen?
Finanzkrisen hat es immer gegeben und wird es immer geben. Die Geschichte zeigt, dass alle Krisen ohne Ausnahme auf eine zu grosse Risikobereitschaft von Banken und Privaten zurückzuführen sind. Wie ich gesagt habe, sind wir wohl nur beschränkt fähig, aus gemachten Fehlern zu lernen, wenn es um die Hoffnung auf künftige grosse Gewinne geht. Es ist deshalb sicher richtig, diesen Risikoappetit durch geeignete Rahmenbedingungen etwas zu zügeln. Damit schützt man nicht nur die Banken, ihre Aktionäre und Kunden vor sich selbst, sondern auch die gesamte Volkswirtschaft. Die Krise hat uns deutlich gezeigt, wie eng heute die einzelnen ökonomischen Systeme miteinander verflochten sind und wie schnell sich Probleme von einem System auf seine Umsysteme auswirken können. Die Reduktion solcher systemischer Risiken ist die zentrale Absicht hinter all den vielen neuen oder verschärften Vorschriften, die seit der letzten Krise diskutiert werden. Sie sollen uns helfen, den Ausbruch der nächsten Krise hinauszuzögern und, wenn sie dann doch kommt, ihre Wirkungen auf die Finanzwelt und die Volkswirtschaft abzuschwächen.
Für Joe Ackermann, Chef der Deutschen Bank, gehen manche Ansätze zu weit.
Aus Sicht des Bankers sind einzelne dieser Vorschriften sicherlich sehr einschneidend. Kommt dazu, dass ihre Auswirkungen selbst unter Fachleuten manchmal umstritten sind. Doch die wichtigsten neuen Rahmenbedingungen – etwa die neuen Eigenmittelvorschriften, die Regelungen zur Abwicklung von Bankkonkursen oder die verschärften Liquiditätsnormen – sind in erster Linie zum Schutz der Volkswirtschaft und der globalen Finanzmärkte gemacht und nicht für die Banken. Dass die Banken und ihre Aktionäre letztlich ebenfalls von einem stabileren Finanzsystem profitieren, ist einigen Bankern noch nicht ganz klar geworden. Doch wie für den kleinen Investor gilt auch für jede Bank: Mehr Rendite ist nur mit mehr Risiko zu haben. Ein kleinerer Gewinn mit weniger Risiko ist nicht weniger ‚wertvoll’ als ein grösserer Gewinn, der mit mehr Risiko erzielt wurde. Das gilt für jeden Einzelnen von uns, für jede Bank, jede Unternehmung und auch für eine ganze Volkswirtschaft.
Gerade auch im Gespräch mit dem LEADER betonen sämtliche Banken in der Ostschweiz, dass sie niemals auf riskante, kurzfristige Investments gesetzt hätten. Kann man dem Glauben schenken?
Ich kenne die meisten Banken hier in der Region ziemlich gut. Keine einzige hat durch die Finanzkrise substanzielle Verluste erlitten. Viele haben in den kritischen Jahren sogar Rekordgewinne ausgewiesen. Im Unterschied zur Nationalbank beurteile ich auch die Kreditpolitik – nicht nur der ostschweizerischen – Banken weniger kritisch. In der Kreditvergabe wurden die Lehren aus den 1990er Jahren auch während der Krisenjahre und in der Phase der tiefen Zinsen recht konsequent umgesetzt. Auch die weitere Stärkung der Risikorückstellungen sind für mich Zeichen dafür, dass wir auch bei einer Zinswende kaum Probleme bei diesen Banken sehen werden. Die ‚goldenen Jahre’ des Bankgeschäfts sind zwar wohl bald vorbei. Das hat aber nichts mit risikoreichen Geschäften oder unverantwortlichem Geschäftsgebaren zu tun als vielmehr mit den generellen Veränderungen der wirtschaftlichen und regulatorischen Rahmenbedingungen im Banken- und Finanzbereich.
Exzessive Bonuszahlungen gelten als Auslöser der Finanzkrise. Muss hier der Gesetzgeber Schranken setzen?
Hier geht es um die Frage, welche Anreize man zu einem risikoreichen Verhalten in einer Bank setzen soll. Falsch konzipierte Bonussysteme haben sicherlich zum Risikoverhalten vieler Investmentbanker beigetragen. Aber auch hier dürfen wir nicht vergessen: Es waren einige wenige Banker in einigen wenigen Banken, die für die Krise verantwortlich waren und deren Boni die Grenze zur Obszönität überschritten haben. Für mich ist bei der Frage der Entschädigungspolitik von Verwaltungsrat und Geschäftsleitung weniger der Gesetzgeber als der Aktionär in der Verantwortung. Damit meine ich natürlich nicht den kleinen Einzelaktionär, der meist wenig ausrichten kann, sondern die grossen institutionellen Investoren, die unser Versicherungs- und Vorsorgekapital verwalten. Sie nehmen ihre diesbezügliche Aufgabe noch nicht wahr. Hier gibt es Handlungsbedarf. Wenn in einer Bank die Summe der ausgeschütteten Boni grösser ist als die der den Aktionären zufliessenden Dividenden, dann stimmt etwas nicht am System der Verteilung von Risiken und Gewinnen unter den Stakeholdern. Betrachtet man das Problem etwas grundsätzlicher, muss man sich fragen, weshalb die Renditen in der Bankbranche allen Krisen zum Trotz so viel höher ausfällt als in anderen Sektoren der Volkswirtschaft. Und das trotz deutlich höherer Pro-Kopf-Personalkosten und höheren anteilsmässigen Technologieinvestitionen. Offensichtlich leben wir in dieser Branche noch immer mit sehr komfortablen Margen, die letztlich zulasten der Kunden erzielt werden. Ich gehe davon aus, dass die sich verändernden wettbewerbsstrategischen Rahmenbedingungen hier über die kommenden Jahre eine Korrektur bringen werden. Das wird bei den Banken in allen Geschäftsfeldern zu einem fundamentalen Umdenken bezüglich Wertschöpfung und Geschäftsmodellen führen. Es erstaunt mich immer etwas zu sehen, dass es unseren Bankern extrem schwerfällt, eine oder zwei Geländekammern vorauszudenken und sich mögliche Szenarien einer künftigen Umwelt und deren Auswirkungen auf die eigene Bank vorzustellen.
Welche Entwicklungen sehen Sie im für die Schweiz wichtigsten Geschäftsfeld, der Immobilienfinanzierung?
Hier stehen wir wohl vor den grössten Veränderungen. Steigende Markttransparenz und immer härterer Wettbewerb bringen die Margen weiter unter Druck. Besonders interessant scheint mir das Aufkommen neuer, bankunabhängiger Internetplattformen, über die Kunden mit einem Mausklick Angebote unterschiedlichster Banken vergleichen und sich übers Internet für eine Geschäftsbeziehung entscheiden können. Die eben erst lancierte Plattform ‚Hypoplus’ ist ein Beispiel eines solchen innovativen Geschäftsmodells, von dem Kunden wie Anbieter gleichermassen profitieren können, wenn sie es richtig zu nutzen wissen.
Und wie sieht Ihrer Meinung nach das Private Banking der Zukunft aus?
Im Private Banking wird sich über die nächsten paar Jahre die Spreu vom Weizen trennen. Es wird zu einer Polarisierung im Markt kommen: Eine kleine Zahl von Banken wird einen immer grösseren Teil der Wertschöpfung abdecken, während immer mehr Anbieter mit einem Rückgang der Kundengelder und Erträgen zu kämpfen haben. Einigen Banken wird es gelingen, sich auch in einem neu definierten Offshore-Geschäft erfolgreich zu positioniere. Ganz sicher wird es zu einer Bereinigung der Marktszene sowohl bei den Banken als auch bei den unabhängigen Vermögensverwaltern kommen. Ich gehe davon aus, dass wir in diesem Geschäftsfeld einige weitere spannende Jahre erleben werden.
Zusammenschluss von Bernet & Partner, Zug, und bbz Bankberatungszentrum, St.Gallen
Die von Beat Bernet gegründete Beratungsfirma Bernet & Partner in Zug ist seit 1983 in der Beratung für Banken und Versicherungen in zahlreichen Ländern tätig. Das von Urs Saxer gegründete und geleitete bbz Bankberatungszentrum St.Gallen gehört seit den frühen 1990er Jahren zu den führenden Ausbildungsinstitutionen für Banken und Finanzdienstleister. Die beiden Firmen schliessen sich auf den 1. Mai zu einer gemeinsamen, primär in der ganzen Schweiz sowie in Süddeutschland und Vorarlberg tätigen Beratungs- und Ausbildungsplattform zusammen. Damit entsteht mit Sitz in Zug und St.Gallen einer der grössten Anbieter entsprechender spezialisierter Leistungen für Banken, Versicherungen und Finanzdienstleister.
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