In der St.Galler Kantonsbibliothek Vadiana entsteht mit vorerst 1200 Titeln die weltweit erste wissenschaftliche Matriarchatsbibliothek. Eröffnet wird sie am 13. Mai 2011 im Rahmen des dritten internationalen Matriarchatskongresses.
- mcMC
Der Matriarchatskongress, der von der deutschen Matriarchatsforscherin Heide Göttner-Abendroth geleitet wird, findet vom 12. bis zum 15. Mai in der Tonhalle St.Gallen statt. Er führt fort, was die Kongresse in Luxemburg und den USA initiiert haben, nämlich die Vernetzung von Forschenden und die Präsentation matriarchaler Gesellschaften.
Intelligente soziale Spielregeln
Wo Menschen aufgrund von Wirtschafts- und Umweltkrisen nach neuen Wegen suchen, wächst auch das Interesse an der matriarchalen Gesellschaftsform. Die Rede ist von gewaltlosen Gesellschaftsordnungen, die auf mütterlichen Werten beruhen. Ihre politischen Entscheidungen fallen im Konsens. Intelligente soziale Spielregeln gewährleisten ein gutes Leben für alle.
Gelebte Spiritualität verhindert die Ausbeutung von Ressourcen. Matriarchatspolitik tritt für einen achtungsvollen Umgang mit der Erde ein, für eine nicht-ausbeuterische Ökonomie, für volle Gleichheit der Geschlechter und für basisdemokratische Politik.
Indigene Wissenschafterinnen
Matriarchate gibt es noch heute – die moderne Matriarchatsforschung bringt sie ans Licht. Indigene Wissenschafterinnen aus Indien, USA, Mexiko, den Philippinen und Südafrika sprechen am Matriarchatskongress über ihre eigenen matriarchalen Gesellschaften.
Thematisiert werden beispielsweise die Subsistenzperspektive und die Ökonomie des Schenkens, während Heide Göttner-Abendroth eine Matriarchatspolitik auf sozialer und spiritueller Ebene entwirft und daraus die Vision einer neuen Gesellschaft entwickelt.
Neue matriarchale Lebensweisen
Es geht aber auch um neue Bewegungen, die sich nicht als matriarchal bezeichnen, sich aber matriarchalen Werten öffnen. Sie orientieren sich an Gemeinschaften und sind ökonomisch-ökologisch auf andere Lern- und Erfahrungsformen ausgerichtet. Der Kongress ist öffentlich. Die Trägerschaft besteht aus der Internationalen Akademie Hagia, die im Mai ihr 25-jähriges Bestehen feiert, und den Friedensfrauen Weltweit.
Kasten1: Matriarchat heisst nicht Frauenherrschaft
Der Begriff Matriarchat ist in der Umgangssprache gut bekannt, denn seit Bachofen (1861) gibt es eine lebhafte Diskussion dazu. Matriarchat bedeutet nicht das Gegenteil von Patriarchat. Es ist keine Gesellschaftsordnung, wo Frauen über Männer herrschen, denn matriarchale Gesellschaften kennen keine Herrschaftsstrukturen wie Befehlsgewalt, soziale Hierarchie, Erzwingungsstäbe oder Privateigentum.
Matriarchate leiten ihre gesellschaftlichen Strukturen von den Müttern ab. Die Mütterlichkeit im Sinne von Fürsorge, Lebenserhaltung, Bedürfnisorientierung und Friedenssicherung bestimmt die ethischen Prinzipien. Die Herkunft von den Ahninnen prägt die Sozialordnung und den religiösen Bereich.
Quelle: Heide Göttner-Abendroth: Das Matriarchat. Stuttgart, Kohlhammer 1988 ff.
Kasten 2: Dr. Heide Göttner-Abendroth
Sie lehrte zehn Jahre an der Universität München Philosophie und Wissenschaftstheorie, ab 1976 war sie Mitbegründerin der Frauenforschung. Durch ihre lebenslange Forschungsarbeit und ihre in mehreren Bänden erscheinende Reihe «Das Matriarchat» (Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 1995-2000) ist sie die Begründerin der modernen Matriarchatsforschung.
1986 gründete sie die «Internationale Akademie HAGIA» in Deutschland und leitet sie seither. Sie war Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten (Bremen, Hamburg, Kassel), 1980 Gastprofessorin in Montréal (Kanada), 1992 Gastprofessorin in Innsbruck (Österreich).
Im Jahr 2003 organisierte und leitete sie den ersten Weltkongress für Matriarchatsforschung: «Gesellschaft in Balance», in Luxemburg und im Jahr 2005 den zweiten Weltkongress für Matriarchatsforschung: „Societies of Peace“, in Texas, USA.
Im Jahr 2009 war sie Co-Leiterin der internationalen Konferenz «A Motherworld is possible. Two feminist Visions: Gift Economy and Matriarchal Studies» in Toronto/Kanada.
Sie ist eine der Frauen, die im Rahmen der weltweiten Initiative «1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005» nominiert wurden.
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