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Mo. 10. Januar 2011 - 15:08 Uhr
Menschen nicht in Zahlen ausdrücken

DEGERSHEIM Paul Biagoli, Gesamtleiter der Stiftung Säntisblick, geht Ende März in Pension. Am 1. Januar übergab er seine Funktion seinem bisherigen Stellvertreter Jean-Luc Villing. Im Interview mit Michael Hug schaut Paul Biagoli auf sein zehnjähriges Wirken zurück. - Interview: Michael HugMC

Paul Biagoli geht in Pension und tritt nach ereignisreichen zehn Jahren als Gesamtleiter der Stiftung Säntisblick Degersheim zurück.
 
Paul Biagoli geht in Pension und tritt nach ereignisreichen zehn Jahren als Gesamtleiter der Stiftung Säntisblick Degersheim zurück.

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Herr Biagoli, Sie nehmen nach zehn Jahren den Hut. Wie sind Sie zu dieser Funktion gekommen, was braucht es dazu?

Paul Biagoli: Der damalige Verein Wohn- und Beschäftigungsstätte Säntisblick hatte gerade anspruchsvolle Zeiten hinter sich. Ich hatte ein Heim in Walzenhausen geleitet und siedelte nach Degersheim um. Für eine solche Funktion braucht es Ausbildungen in Sozialpädagogik, Management und Mitarbeiterführung.

Wie gross war der ‚Säbli’ als sie ihn übernahmen?

Paul Biagoli: Ich übernahm 49 zu Betreuende in den beiden Wohnheimen Säntisstrasse und Waldegg. Heute sind es 71 Betreute in den zwei Wohnheimen und vier Aussenwohnungen.

Was waren die grössten Brocken in Ihrer Zeit, welches Ihr persönliches Hightlight?

Paul Biagoli: Für mich war es ein Prozess vor dem Hintergrund, Eigenständigkeit und Lebensqualität der Bewohnenden weiter zu entwickeln. Damit dies möglich werden konnte, mussten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgebaut oder gefunden werden, die Freude hatten, Menschen mit Behinderungen auf diesem Weg zu begleiten - sozusagen also Lotsen, nicht als Kapitäne. Gleichzeitig wurde die Organisation der Einrichtung angepasst. Mein persönlicher Höhepunkt war die Eröffnung der Werkstatt Fuchsacker.

Gab es denn auch für die Bewohnenden Veränderungen?

Paul Biagoli: Mehr Eigenständigkeit bedeutet für jeden Menschen auch mehr eigene Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen, heisst Erfahrungen zu sammeln, gute und weniger gute, und schliesslich mehr und mehr einen eigenen Weg zu gehen und für eigene Bedürfnisse einzustehen.

Können Sie Beispiele nennen?

Paul Biagoli: Das heisst beispielsweise kleinere, eigenständigere Wohnformen, sogenannte Wohngruppen in den Heimen oder wo es möglich ist, noch eigenständigeres Wohnen in Dorfwohnungen. Mehr Eigenständigkeit heisst auch mehr unbegleitete Kontakte mit der Dorfbevölkerung, was vielleicht nicht in jedem Fall immer ganz einfach ist.

Was waren Ihre schönsten Momente?

Paul Biagoli: Die Entwicklung der Eigenständigkeit der Betreuten und der Mitarbeitenden mitzuerleben. Beispielsweise, dass eine Bewohnerin nach Jahren im Wohnheim in eine Aussenwohngruppe übersiedelte und schliesslich eine eigene Wohnung beziehen konnte.

Welches sind die grössten Einflüsse von aussen?

Paul Biagoli: Die neue Finanzausgleichsordnung NFA hatte für uns erhebliche administrative Anpassungen zu Folge und führte zu einer weiteren „Verbürokratisierung“ unserer Arbeit. Der Bereich Erwachsene Behinderte wurde im Kanton St. Gallen erst in den letzten Jahren aufgebaut und fast gleichzeitig musste jeder Kanton für sich die Ablösung vom Bundesamt für Sozialversicherung, das bis dato alleinige Drehscheibe für IV-Renten und die Finanzierung von Heimplätzen zuständig war, organisieren. Diese Veränderungen hatten eine Verunsicherung in der Heimlandschaft und in der Verwaltung zur Folge und zog vermehrten administrativen Aufwand nach sich. Als Steuerzahler verfolge ich das mit gemischten Gefühlen.

Welches ist die Bedeutung Degersheims für die Stiftung?

Paul Biagoli: Für die Stiftung Säntisblick ist Degersheim ein gewaltiger Pluspunkt: Tolle Wohnlage und Umgebung, nicht zu klein und nicht zu gross, ausgebaute Infrastruktur und sehr gute Anbindung an öffentliche Verkehrsmittel. Und ich stelle fest, dass grundsätzlich ein grosses Wohlwollen gegenüber unseren Bewohnerinnen und Bewohner vorhanden ist.

Welche Bedeutung hat die Stiftung Säntisblick für Degersheim?

Paul Biagoli: Was für uns Kosten bedeuten, bedeutet für die regionalen Dienstleister, die Gemeinde und das Gewerbe Umsatz und Einnahmen. Auch zahlen nicht wenige unserer Angestellten Steuern in Degersheim.

Wird die Zahl der Menschen mit Behinderung trotz medizinischer Fortschritte zunehmen?

Paul Biagoli: Es gibt zur Zeit keine verlässlichen Zahlen; dazu wird es immer ein Grossteil von Behinderungsformen geben, deren Ursache nicht bekannt ist und deren pränatales Erkennen nicht möglich ist – ganz abgesehen davon, dass eine Entscheidung menschliches Leben vor der Geburt zu eliminieren alles andere als einfach ist. Der medizinische Fortschritt hat natürlich zwei Seiten: Auf der einen Seite die pränatale Diagnose und neue Erkenntnisse im Bereich der Erbgutforschung und auf der anderen Seite erhalten immer mehr schwerstgeschädigte Babys neue Ueberlebenschancen. Aus der Sicht des Säntisblicks können wir nur feststellen, dass das Bedürfnis nach Heim- oder Tagesstrukturplätzen im Moment nicht ab, sondern zunimmt.

Wohin geht der Trend in dieser Branche?

Paul Biagoli: Ich bin versucht zu sagen, zu noch mehr Bürokratie. Mittelfristig werden die Erkenntnisse, wie wir sie im Spital, in Alters- und Pflegeheimen kennen, auch im Behindertenbereich Einzug halten. Man spricht vom sogenannten Individuellen Betreuungsbedarf IBB. Wenn ich die negative Seite dieser Entwicklung anschaue, heisst das, dass in absehbarer Zeit genau kalkuliert werden kann, was ein behinderter Mensch kostet. Doch man kann nicht alles auf den Franken herunterbrechen, Menschen lassen sich nicht in Zahlen ausdrücken. Es sind Schicksale dahinter, Familien, Umwelt. Spätestens jetzt stellt sich die Frage nach der Ethik: Was will sich die Gesellschaft leisten? Wenn ich die Entwicklung positiv anschaue, muss ich sagen, dass sich die Lebensqualität von Menschen mit Behinderung in den letzten 25 Jahren verbessert hat – hoffen wir, dass dieser Trend anhält.

Wohin steuert die Stiftung Säntisblick, welches sind die kommenden Herausforderungen?

Paul Biagoli: Wohin der Säntisblick steuert, liegt beim Stiftungsrat und bei meinem Nachfolger Jean-Luc Villing. Was die kommenden Herausforderungen betrifft, denke ich, dass die Antwort in den Antworten zur vorhergehenden Frage zu suchen ist. Besonders denke ich dabei an die zunehmende Staats-Bürokratie die man im Auge behalten muss. Denn alles was der Staat für zusätzliche Verwaltung und Kontrollen benötigt oder verursacht, fehlt irgendwann in der Betreuung und Begleitung der Menschen.

Wohin steuern Sie, was werden Sie jetzt tun?

Paul Biagoli: Ich werde es geniessen, wieder vermehrt Privatperson zu sein!

Herr Biagoli, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

 Interview: Michael Hug

 


 
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