Kommentar. Ein HSG-Dozent hat viele Rollen. Das scheint Ulrich Thielemann nun zum Verhängnis zu werden. Drastische Schritte wären aber kontraproduktiv. - Stefan MilliusMC
Ein wenig schizophren ist es schon. Da erwarten wir von unserer geistigen Elite, dass sie vorausdenkt, querdenkt, unbequem ist, uns weiterbringt durch gewagte Thesen oder provokante Äusserungen. Und kaum spricht ein HSG-Dozent aus, was er über das Verhalten der Schweizer rund um das Bankgeheimnis denkt, geht ein Aufschrei durchs Land und es wird gefordert, dass der Mann auf Kurs zu bringen sei - beziehungsweise man ihn mundtot machen sollte.
Natürlich: Wenn der Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann wirklich gesagt hat, was er laut der Überlieferung gesagt haben soll, war das mit Blick auf die Beziehungen zwischen der Schweiz und Deutschland nicht sehr geschickt. Das darf man kritisieren. Aber auch Kritik sollte richtig formuliert werden. Dass Thielemann diese Meinung zum Bankgeheimnis vertritt und dass er sie offen ausspricht, sollte man ihm nicht grundsätzlich zum Vorwurf machen - das wäre die falsche Kritik. Wo kommen wir hin, wenn Wissenschafter ihre Einschätzungen verschweigen müssen, nur weil sie der Öffentlichkeit nicht passen? Würde das zur goldenen Regel, hätten wir an unseren Bildungsinstitutionen bald ein Denkverbot, und Stillstand wäre die Folge.
Aber: Thielemann hat den falschen Zeitpunkt und das falsche Publikum für seine Äusserungen gewählt. Und er leidet darunter, dass er verschiedene Rollen wahrnehmen muss. Als Wirtschaftsethiker darf, soll, ja muss er natürlich andere Aspekte beleuchten als ein klassischer Betriebswirtschafter. Gleichzeitig ist er als Dozent aber auch Repräsentant «seiner» Universität. Dieser muss er zwar nicht einfach immer nach dem Mund reden, sollte aber darüber nachdenken, in welches Licht seine Auftritte seinen Arbeitgeber rücken.
Wenn Thielemann öffentlich auftritt, wird er als ein Teil der HSG wahrgenommen, seine Worte haben ihr Gewicht nur, weil er als HSG-Mann vor seinem Publikum steht. Entsprechend ist er es der Institution, die ihm seinen Nimbus verleiht, auch schuldig, vorgängig darüber nachzudenken, ob er ihr Schaden zufügen könnte.
Verfehlt sind aber irgendwelche Entlassungsdiskussionen. Der Schaden, den Thielemann angerichtet hat, würde um ein Mehrfaches multipliziert, wenn man ihn nun aus dem Amt entfernen würde.Das Signal, das man damit aussenden würde, wäre: In der Schweizer Universitätslandschaft hat nur Platz, wer den offiziellen Kurs von Politik und Wirtschaft mitträgt. Natürlich stimmt das so nicht, und Thielemann hat sich den Ärger durch eine Fehleinschätzung der Situation selbst eingebrockt. Aber harte Sanktionen würden das ohnehin ramponierte Image der Schweiz bei ihren Kritikern weiter beschädigen - und zwar völlig unnötigerweise. Der Kampf um den «Sonderfall Schweiz» sollte über Argumente und nicht über Racheakte geführt werden.
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