Eine laue Brise und purer Rhythmus zu Beginn, heftige Wolkenbrüche und mörderische Klänge als Hauptgang, wilde Schlammschlachten und ein ausverkauftes Festival als Zugabe.
Im Sittertobel herrscht der Ausnahmezustand. Die Besucher tauchen in die St. Galler Festivalwelt ab und kehren erst drei Tage später berauscht wieder in die reale Welt zurück: Dazwischen liegt eine grosse, feuchtfröhliche Party, bei der sich jede mit jedem verbrüdert.
Der plötzliche Tod des „King of Pop“ blieb in dieser Parallelwelt fast unbemerkt. Das Rap-Trio Cypress Hill aus Los Angeles legte am Freitagabend seine Joints für eine Schweigeminute auf die Seite und am Samstagnachmittag versuchte sich Olli Schulz an Michael Jacksons Moonwalk. Der Hamburger Barde büsste den Versuch mit einer vom Schritt bis zu den Fesseln verschlissenen Hose.
Knietief im Schlamm
Weder Elvis Presleys Graceland noch Michael Jacksons Neverland also, dafür ein einziges Wastland. Schlamm so weit das Augen reicht. In der Nacht auf Samstag brachen heftige Wolkenbrüche über das Naturschutzgebiet im Sittertobel nieder und hinterliessen knietiefe Schlammlöcher.
Die grünen Wiesen waren einer undefinierbaren braunen Masse gewichen. Viele Zelte an den Hanglagen gerieten ins Rutschen. Das Festival-Volk vergnügte sich ausgelassen bei munteren Schlammschlachten auf dem rutschigen Terrain.
Für die Veranstalter haben die starken Regenfälle ein teures Nachspiel. Die Rekultivierungskosten dürften in diesem Jahr rund 100’000 Franken verschlingen. „Es gab trotzdem keine Enttäuschungen und Ausfälle“, sagte Programmchef Christoph Huber. Das Festival war mit 30’000 regulären Besuchern und 5000 Nachtschärmern ausverkauft.
Entfesselte Energie
Aus dem St. Galler Schlamm wuchsen einige musikalische Rosen. Sophie Hunger liess am frühen Samstagabend auf der Nebenbühne die Sterne funkeln. Die Schweizer Songwriterin verzauberte mit wiederborstigen Songs und sirenenhafter Stimme. Bei Bob Dylans „Like a Rolling Stone“ kamen Erinnerungen an das legendäre Woodstock-Festival auf.
Die Hippie-Zeiten sind längst vorüber - auch in St.Gallen. Auf der Bühne dominieren heute Zweireiher und Glamour-Outfits. Der Australier Nick Cave erschien im gediegenen Anzug, Gilet und schwarz gefärbter Mähne. Der Altmeister des Alternativrock war satanisch gut gelaunt. Er liess wilde Rosen blühen, heulte wie ein Wolf, flirtete mit dem Publikum und verströmte sein ganzes Charisma.
Aggressionsgeladene Songs gepaart mit entfesselter Energie schmetterten Trent Reznors Nine Inch Nails Samstagnacht von der Bühne. Fast zwei Stunden lang prasselte eine geballte Ladung Kettensägen-Musik auf das euphorisierte Publikum nieder. Der Auftritt der Hardrock-Band Metallica vor zehn Jahren verblasst im Licht der blenden Stroboskop-Scheinwerfer.
Stadtaffen am Fluss
Am Freitag regierte noch der pure Rhythmus: Peter Fox, Gründer von Europas berühmtester Marching Band Seeed, wurde von den fünf amerikanischen Schlagwerkern namens Cold Steel angetrieben. Bläser, Keyboard, Bass, Gitarre und Schlagzeug komplettieren die Band. Immer wieder hüpfte ein Kerl mit Affenmaske über die Bühne und markierte den Stadtaffen. Und Peter Fox hatte die wogende Menge fest im Griff.
Im Hit „Haus am See“ sang er von der Sehnsucht nach dem Landleben und nach einer Grossfamilie. In St. Gallen wurde das Kommunen-Feeling zelebriert. Nicht nur Cave und Reznor sind gut gealtert, auch das OpenAir St. Gallen ist über die Jahre gereift; das nachwachsende Publikum und die professionelle Programmierung erhalten das Festival jung. Ein Verfalldatum ist nicht abzusehen.
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